Zurück aus Kuba

Klimawandel in Havanna

eine Polemik von Sabine Maria Schmidt

Manchmal muss man schon um die halbe Welt reisen, um sich dem Kosmos ungelöster Merkwürdigkeiten hinzugeben. Die weißen Traumstrände der Karibik, wer möchte sie nicht genießen. Dass der feine Sand, der tatsächlich noch so schön ist, wie es Prospekte suggerieren, dem Kot unermüdlicher Papageienfische zu verdanken ist (ca. 90 Kilogramm pro Jahr pro erwachsener Fisch), wissen wir von beherzten Sandforschern und Tauchern. Überhaupt stellt sich das gestrandete marine Leben als feingemahlene Skelettsammlungen dar: Korallenkadaver und Muschelleichen, tote Schnecken und dahinsiechende Tintenfische oder an den Küsten Floridas und Kubas auch die bestechende Staatsqualle „Physia physalis“ (Portugiesische Galeere/ Portuguese Man of War), die nach Versandung sofort von Krabben verspeist wird. Es regnet viel in diesem Winter.

Anlass zu allegorischer Tierbeobachtung findet sich allerorten auf der grünen Insel, egal ob auf dem Land oder in den Städten Kubas. Blickfang ist nicht nur der farbenprächtige Tococoro, der Nationalvogel des Landes, der singen und tanzen kann wie echte Kubaner und auch ihren historisch verbürgten Freiheitsdrang teilt. Weitaus auffälliger ist der elegante Flug des Truthahnaasgeiers, der Aura Tiñosa, Aufräumer der unbestechlichen Art, der auch über dem Capitol der Hauptstadt Havanna kreist. Sein scharfer Blick streift über verfallene Fassaden und Ruinen, die zahlreichen Baustellen, die langen Menschenschlangen vor knapp gefüllten Läden, kleine Kneipen voller Lebenslust, Rum und Musik und die verstreuten, blechernen Autowracks. Noch immer soll es an die 60.000 (!?) amerikanische Oldtimer aus den fünfziger Jahren geben und die Fahrt in einem offenen Chevrolet Deluxe 1952 oder Buick gehört zu den Highlights vieler Touristen.

Wo wohnt Rául? Und Lebt Er eigentlich wirklich noch? Diese Frage nach dem Zustand des „Máximo Líder“ beschäftigt jeden Kuba-Reisenden, ebenso wie die ungelöste Frage, wie es denn zukünftig weitergehen soll. Während rund 8000 kubanische Flüchtlinge seit Wochen in Costa Rica und Nicaragua festsitzen, strömen zum Jahresende 2015 ungewohnt hohe Mengen an Touristen in das Land der permanenten Revolution, um noch einmal das „alte, wahre Kuba“ zu erleben. Während die einen um ihren Sonderstatus als politische Asylanten fürchten, sorgen sich die anderen über eine neue wirtschaftliche Invasion.

Doch die ist auch erwünscht. Kuba ist eine Nation im permanenten Wandel. Daher bleibt man gelassen, trotz zwei legaler Währungen, die die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werden läßt. Nach Jahrzehnten verzehrender Mangelwirtschaft wird in Kuba über nichts so viel geredet wie über Geld. Geld, das man nicht hat, das man schon gemacht hat oder nun verdienen will, am besten mit Touristen und ohne große Anstrengung. Das ist zunächst nicht zu verdenken. Bei einem Durchschnittslohn von 20-25 Euro im Monat sucht jeder die neuen kleinen Freiräume, vor allem im Kleingewerbe, auszutarieren: Friseursalons, Taxis, Privatrestaurants und die Vermietung von Privatunterkünften bilden eine zunehmend wichtige Basis für neue Einnahmen. Bis dato war der Export bestens ausgebildeter Mediziner, die als Staatsdiener in befreundete Nachbarländer „vermietet“ wurden, eines der wichtigsten Einnahmequellen des Landes.

Auf Touristen ist das service- und vermittlungsimmune Land allerdings noch wenig vorbereitet. Zwar fließen Einnahmen direkt wieder in die Infrastruktur des Tourismus (vor allem in All-inclusive-Ressorts), aber kaum in die des Landes. Das gilt auch für den Kulturbetrieb. Vieles, was man an Kuba schätzen und lieben kann, ist nicht zugänglich oder schlecht erschlossen. Die legendäre internationale Sammlung des 1913 gegründeten Museo Nacional de Bellas Artes war wieder einmal geschlossen. Untergebracht im ehemaligen Centro Asturiano, ein 1926 im Kolonialstil erbautes architektonisches Juwel der Stadt, quälen seit Juli Schwierigkeiten mit der Klimaanlage. Bis auf Gefrierschrank-Temperaturen heruntergekühlt war hingegen der Art-Déco-Bau Palacio de Bellas Artes, der die Sammlung kubanischer Kunst beherbergt. Bibbernd konnte man hier zahlreiche ungewöhnliche hochrangige Entdeckungen machen, darunter die Gemälde von Armando Garcia Menocal (1863 – 1941), der als Professor an der Kunstakademie Generationen kubanischer Maler ausbildete; oder die von Raúl Martínez (1927-1995), der durch seine Pop-Art Portraits von dem Nationalheiligen José Martí und Camilo Cienfuegos international bekannt wurde. Und nicht zuletzt die umfangreichen Werkblöcke von Wifredo Lam (1902 – 1982), der als kubanischer Picasso wie kein andere die reiche Kunsttradition des Landes repräsentiert.

Dauerbaustelle auch vor dem Gebäude. Die 2005 installierte dreiteilige Außenskulptur „Los Catedrales“ des kubanischen Superduos „Los Carpinteros“ wird grundlegend saniert; allerdings war auch nach drei Wochen Arbeit kaum eine Zustandsveränderung sichtbar. Offensichtlich fehlte es schlichtweg an Material, in diesem Fall an Ziegelsteinen, die aus Sevilla importiert werden müssen. (Seit 2012 kann man übrigens eine erweiterte Fassung dieser Skulptur auch am Escher-Wyss-Platz in Zürich besichtigen. Eine weitere ist für New York geplant.)

Als Motiv der zugespitzten Backsteinsäulen dienen Schraub- und Bohraufsätze von Akkuschraubern. Schrauben ohne Ende! Als Sinnbild für die moderne Modul-Montage-Technik mag das Ensemble auch als Hommage an das unermüdliche Bricolage- und Repariergenie der Kubaner gelten. Schließlich gilt jeder Kubaner per Geburt als Automechaniker. Repariert wird aktuell allerdings gerne auch mal gar nicht. Schließlich ist Kuba ein Land, in dem nichts wirklich, aber alles ein wenig funktioniert. Und Zeugnisse guter Handwerkstradition sind in dem Land kaum mehr auszumachen; auch wenn das in den zahllosen Souvenirläden behauptet wird. Aktuell „up to date“ sind so einige sexistische und rassistische Abscheulichkeiten, wie geöffnete Negerkopfmünder als Aschenbecher, zum Ausdrücken der teuren Habanas. Oder als Flaschenhalter getarnte Aktdarstellungen voluminöser Frauenkörper, deren Anus als Haltepunkt dient. Wer kauft diese Zeug ? Sind es tatsächlich die Russen oder die allein reisenden Italiener, die auch in anderer Sache unterwegs sind, wie mir die Verkäufer weismachen?

Das Centro de Arte Contemporaneo – Wifredo Lam, Kernzelle der Havanna Biennale feiert mit der internationalen Gruppenausstellung „Follia continua“ („Der Wahnsinn geht weiter“) das 25-jährige Bestehen der Galerie. Gegen gutes Trinkgeld führt eine Museumswärterin durch die Installationen von Ai Weiwei, Kader Attia, Daniel Buren, Chen Zhen, Anish Kapoor und andere. Von der diesjährigen Havanna-Biennale sind kaum mehr Spuren zu sehen. Der Ausstellungskatalog kann immerhin nach hartnäckigem Insistieren im Verwaltungsbüro eingesehen werden.

Weniger von der Biennale selbst, als von dem durch sie ausgelösten Halali zur Schnäppchenjagd der Amerikaner ist allerorten die Rede. Die deutsche Fundación Ludwig, mit ihrem wunderschönen Sitz in Vedado, ist ein guter Ort, sich der kurzen Geschichte der kubanischen zeitgenössischen Kunstszene zu vergewissern. 1995 gegründet, wurde die Stiftung unter Leitung des unverzichtbaren Helmo H. Trejos wichtigster Angelpunkt deutsch-kubanischen Kulturaustausches. Mit Ausstellungen wie „Cuba OK“ (Kunsthalle Düsseldorf 1990) oder „Una de cada clase“ wurden junge Künstler international vorgestellt, gefördert, nach Deutschland eingeladen und gesammelt. Viele der damaligen Protagonisten der 90er Jahre bilden noch immer den Kern der heutigen Kunstmarktstars, die nun vor allem in Miami auf grenzenloses Interesse stoßen, darunter Carlos Garaicoa, Luis E. Gómez, Juan Carlos Alom, Antonio Eligio Fernández, Los Carpinteros, Yoan Capote, Sandra Ramos, Lázaro Saavedra, Carlos Estévez, Diana Fonseca oder Alexis Leyva. Aktuell widmet sich die Stiftung vor allem dem Austausch, der Präsentation und Diskussion von Arbeiten junger Architekten, Filme- und Theatermacher, Design-Agenturen und Start-ups in Kuba. Nichts wird so dringend benötigt, wie Austausch und Dialog. Das sieht man auch in der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Havanna ähnlich. Die jahrelangen Pläne, ein Goethe-Institut in Havanna zu eröffnen, sind aktuell wieder aus der Ablage geholt und sollen konkrete Formen annehmen.

Kubanische Kunst! Das gilt in Miami als „the next big thing in the art world“. So verwundert es nicht, dass viele der angemailten Künstler im Dezember nicht in Havanna für Atelierbesuche anzutreffen waren und für nicht marktrelevante Begegnungen auch kaum Interesse zeigten. Nicht zuletzt spiegelt der Erfolg der Kunstszene auch dieses deutlich wieder: Nie haben die Kubaner wirklich auf eine westliche Anbindung und ihre innere Amerikanisierung verzichtet, sich gar dem „Russischen“ oder „Kommunistischen“ verbunden gefühlt.

Noch immer ist der kontrollierende Spitzel- und Überwachungsapparat der Regierung wirkmächtig. Zugleich fördert er den Kunstaustausch. Verstörend und inakzeptabel bleibt die aktuell wieder zunehmende Verhaftung von Dissidenten, darunter auch die von Tania Bruguera Ende 2014, dem Passentzug, Ausstellungsverbot auf der Biennale, aber auch wenig internationale Solidarität folgte. Verhaftet wurden 2015 auch der Punk-Rock-Sänger Àguila der Band „The Porno Para Ricardo“ und eine lange Haftstrafe wegen Staatsbeleidigung erhielt der Grafitti-Künstler Danilo „El Sexto“ Maldonado, der eher wenig subtil zwei Schweine-Darstellungen mit den Namen der Castro-Brüder schmückte.

Auf der anderen Seite scheint eine akute Zensur bei Künstlern, die eben oft auch keine wirklichen Regimekritiker sind, eher die Ausnahme. Anders als vielen Bürgern Kubas sind den Künstlern weitgehende Freiheiten zum Reisen und intensive Geschäfte auf dem Kunstmarkt möglich und erlaubt; einer der vielen Widersprüche der schizophrenen Wirklichkeit des Landes. Zahlreiche erfolgreiche Künstler, die sich in ihren Werken den zerborstenen Träumen, der desolaten sozialen und wirtschaftlichen Situation, der Zensur, Propaganda, den diktatorischen Facetten des Regimes widmen, leben privilegiert, besitzen Villen und mehrere Häuser mit zugehörigem Hauspersonal in der Hauptstadt. Lust, Liebe, Frust und Hiebe auf das eigene Land sind unmittelbar miteinander verschmolzen. Ironischerweise sind die eingeschworenen, selbstbezüglichen und anklagenden Referenzen auf die kubanische Herkunft und das politische Klima des Landes genauso repetitiv wie die Propaganda der Herrschenden. Formal-ästhetisierte Kuba-Kritik ist längst zu einer handelsfähigen Ware geworden. Da macht es nichts, wenn man die subversiven Gesten des eigenen Frühwerks jahrzehntelang kopiert. Es gibt nur wenige kubanische Künstler, die sich jenseits des jüngeren historischen und politischen Kontextes ihres Landes ein eigenes Werk erarbeitet haben, das in breitere internationale Dialoge treten kann.

Nur langsam löst sich Kuba aus seiner Vergangenheit als einer loopartig wiederholten Dauerschleife der eigenen Revolutionsgeschichte. Zum Inselkoller trägt nicht nur die langjährige politische, sondern auch die informatorische und mediale Isolation bei. Kein Land hat so wenig Internet-Zugang. Es muss Schluss sein mit der Blockade. Und der Militärstützpunkt auf Guantánamo gehört endlich aufgelöst. Und Kuba soll bewahren, was es politisch geleistet hat…..und überhaupt….., ah… da kreist er wieder der „Tiñosa“.

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